
Hamida nähte Kleider für mich

Die Stadt Kasur befindet sich im Südosten Pakistans, hat über 300 000 Einwohner und ist acht Kilometer von der indischen Grenze entfernt. 1999 reiste ich (Verena Anliker) zum ersten Mal nach Pakistan und hatte das Glück, in Kasur in einer Grossfamilie den Alltag miterleben zu können. Wie die einheimischen Frauen trug ich das Punjabi, das ich bereits aus meinen Reisen nach Indien kannte. In Indien hatte ich mir ein paar Punjabis anfertigen lassen und trug sie auch nach meiner Rückkehr in die Schweiz sehr gerne. Ich fühlte mich wohl und bewegte mich frei und natürlich in diesem Kleid. Aus diesem Grund bat ich Hamida Anjum, die gelernte Schneiderin ist, mir einige Punjabis in verschiedenen Farben und Mustern zu nähen. Wieder zurück in der Schweiz bewunderten meine Freundinnen dieses Kleid und baten mich, auch für sie Punjabis nähen zu lassen.
In mir reifte die Idee, ein Selbsthilfeprojekt für Frauen in Pakistan aufzubauen. "Dadurch hätten einige Frauen in Pakistan die Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen, ihre Familien finanziell zu unterstützen und ihren Kindern die Schule zu ermöglichen. Zudem gäbe es den Frauen sicherlich ein gutes Gefühl, ein eigenes Einkommen zu haben und dabei ihre Talente entdecken und einsetzen zukönnen," dachte ich mir. Anfangs war ich gedanklich nur mit den Frauen in Pakistan beschäftigt, später realisierte ich, dass das Punjabi für die Frauen hier auch eine grosse Bereicherung ist. Hamida Anjum und einige andere Frauen waren von der Idee, Punjabis für die Schweiz zu nähen, sehr angetan. Anfangs stellten wir Hamida Anjum und einigen anderen Frauen einen Raum zur Verfügung, in dem sie die Kleider für die Schweiz nähen konnten. Es entstand eine grössere Kollektion Punjabis, für den im Juni 2000 eröffneten SITAARA-Laden in Thun.
Bald darauf konnten wir im Haus von Hamida Anjum ein Nähatelier einrichten mit acht Arbeitsplätzen. Wann immer die Frauen Zeit hatten, neben ihrer Hausarbeit und der Betreuung ihrer Kinderschar, nähten sie für unseren Laden. Am 25. Juni 2002 gründeten wir mit einigen, dem Projekt sehr verbundenen Frauen, den Förderverein SITAARA. Der Verein bezweckt, das Projekt SITAARA zu unterstützen und damit Frauen in Pakistan in ihrer Unabhängigkeit zu fördern. Im Dezember 2002 eröffnete SITAARA im bestehenden Nähatelier auf Initiative von Hamida Anjum eine Nähschule. Sie bildete während einem Jahr acht Mädchen zu Schneiderinnen aus. Die meisten von ihnen hatten noch nie eine Schule besucht. Im Januar 2004 reiste ich erneut nach Pakistan und besuchte täglich die Nähschule. Die jungen Frauen sassen auf Kissen auf dem Boden und nähten mit Handmaschinen. Gemeinsam mit Jamil Khan, dem lokalen Geschäftsführer, beschloss ich wärend meines Aufenthaltes, mit dem Förderbeitrag der Stadt Thun und eigenen Mitteln von SITAARA, ein Grundstück zu kaufen, um unseren Traum von einer eigenen Nähschule mit 25 Ausbildungs- und 10 Arbeitsplätzen zu verwirklichen. Zusammen mit dem Förderverein engagierten wir uns, Spendengelder zu sammeln. Bereits im April 2004 begann Jamil Khan, zusammen mit einem Handwerker-Team, mit dem Bau des Hauses. Er machte eigenständig die gesamte Hausplanung und den Einkauf aller benötigten Materialien für das Haus.

Die SITAARA-Nähschule konnte bereits am 26. November 2005 eröffnet werden. Im Erdgeschoss befindet sich die Nähschule mit Nähatelier. Im oberen Geschoss einen grossen Raum für spätere Aktivitäten der Nähschule und zwei Gästezimmer. Darüber liegt eine Dachterrasse. Die Nähschule und das Atelier sind mit Tischen und Stühlen möbliert. Die Frauen müssen nicht länger am Boden sitzend arbeiten. Bereits 20 Mädchen werden von einer diplomierten Schneiderin im Nähen ausgebildet. Mit den Mitgliederbeiträgen und weiteren Spenden des Fördervereins und des SITAARA-Ladens werden der Löhn der Lehrerin und der Unterhalt des Hauses finanziert. Für die Mädchen und Frauen ist die Ausbildung kostenlos, da wir vor allem Frauen aus ärmlichen Verhältnissen eine Chance für eine Ausbildung geben möchten. Hamida Anjum hat während den Ferienmonaten August und September 2006 und 2009 aus eigener Initiative eine zweite Gruppe von Mädchen im Nähen unterrichtet.
Verena Anliker, Projektleiterin von SITAARA Thun